Der Stoff, aus dem der Zellstoff ist
Ein Besuch in der wieder eröffneten Zellulosefabrik am Baikalsee
Dreckschleuder oder Retter der Region – die Zellulosefabrik am Baikalsee ist das wohl umstrittenste Industrieprojekt Russlands. Seit der Eröffnung vor über 40 Jahren wird über die Auswirkungen des Betriebes auf den größten Süßwassersee der Erde gestritten. Zwei Jahre war die Fabrik geschlossen, seit April wird wieder Zellstoff produziert. Selten lässt die Unternehmensführung Journalisten in das Innere der Fabrik. Als sie es doch tat, war die ifa-Redakteurin der Moskauer Deutschen Zeitung Diana Laarz dabei.
Der Gedanke an Loch Ness drängt sich auf. Nessie, das Seeungeheuer. Ein Blick in die tiefdunkle Brühe, die blubbert, sprotzt, gegen die Betonwände klatscht, dichten Schaum schlägt – und schon meint der Beobachter am eigenen Leib zu spüren, welche Gefahr von diesem Wasser ausgeht. Ort des Geschehens ist die Zellstofffabrik an der Südspitze des Baikalsees. Genauer gesagt die Kläranlage. Eine Gruppe Menschen balanciert unsicher über vermoderte Holzbrücken, die zwischen die schwimmbadgroßen Wasserbecken gespannt sind. Knapp sechs Monate nachdem das Werk die Produktion wieder aufgenommen hat, lässt die Geschäftsführung den Schutzschild etwas sinken, öffnet einen Spaltbreit die Tür und lässt Journalisten in ausgewählte Hallen und Bereiche. Wenn man ehrlich ist, sieht es dort meistens schlimmer aus, als man befürchtet hatte.
Wladimir Fillipow fällt es nicht schwer einen unbedarften Eindruck zu machen. Er ist erst seit fünf Tagen Generaldirektor der Zellstofffabrik BZBK Baikalsk. Ein Mann mit grauem kurzen Haar, tiefliegenden kleinen Augen, bei dem das Lächeln nie ganz aus dem Gesicht verschwindet. Seine rechte Hand zieren ein breiter goldener Ring und ein kleines Tattoo. In den vergangenen acht Jahren hat das Werk mehr als zehn Leiter gehabt, Wladimir Fillipow aber redet davon, die nächsten fünf Jahre bleiben zu wollen – „bis zur Rente“.
Er präsentiert sogleich seinen Plan. In einer Produktionslinie soll zukünftig ungebleichte Zellulose hergestellt werden. In einem geschlossenen Wasserkreislauf, das heißt ohne Abwasser. Für die zweite Produktionslinie sei man gerade in Verhandlung mit einer finnischen Firma, die eine Technik zum Bleichen mit Sauerstoff und Lauge entwickelt. Das Verfahren produziere weniger Abwasser als die jetzige Chlorbleiche. Kein Wort davon, dass die Unesco sich gerade mit der Fabrik und der Verschmutzung des Baikalsees beschäftigt.
Als die Sprache auf die Eigentumsverhältnisse des Unternehmens kommt, wird der Direktor endgültig wortkarg und blickt wiederholt auf die Uhr. Mehr als 25 Prozent der Aktien halte die Firma Continental-Invest, mehr will er nicht verraten. Dabei weiß rund um den Baikal fast jeder, dass hinter Continental-Invest niemand anderes als der Oligarch Oleg Deripaska steckt, und dass auch der Staat selbst noch mindestens 40 Prozent an der BZBK hält. Wladimir Fillipow ist sichtlich bemüht einen aufgeräumten Eindruck zu hinterlassen und strapaziert dabei die Logik. „Die Abwässer sind jetzt sauber, wir wollen sie noch sauberer machen“, sagt er. Wie ein Zauberkünstler hebt er ein Glas in die Höhe und gießt Mineralwasser hinein. Genauso klar sähe das Wasser aus, was am Ende des Klärprozesses herauskomme. Man könne es sogar trinken. Als zwei Stunden später Mitarbeiter an der Kläranlage Wasser abschöpfen und Journalisten fragen, ob sie es denn trinken könnten, wehren diese erschrocken ab. Wladimir Fillipow hat sich schon lange vorher eilig verabschiedet. Er sei in einer dringenden Besprechung und für den Rest des Tages nicht mehr zu sprechen heißt es.
Die Wiedereröffnung der Zellulosefabrik Ende April dieses Jahres wurde begleitet von einem weltweiten Medienrummel. Selten zuvor kulminierte der Streit zwischen Ökonomie und Ökologie so deutlich wie in diesem Fall. Am Pranger der Umweltschützer: Ministerpräsident Wladimir Putin. Er höchstpersönlich hatte die neue Betriebserlaubnis gegeben. Weil – nach Putins Ansicht – Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit und Geldnot der Bewohner von Baikalsk der Monostadt ansonsten über den Kopf wachsen. 2008 hatte das Zellulosewerk den Betrieb wegen strengerer Umweltauflagen schließen müssen. Die Produktion war einfach zu unrentabel geworden.
Nun überbieten sich in Baikalsk die Gegner und Befürworter der Fabrik mit Horrorszenarien und hoffnungsvollen Meldungen. Jede Seite, wie sie es gerade braucht. Insider der Papierproduktion berichten, der Zellstoff, der in Baikalsk mit 40 Jahre alter Technik hergestellt werde, genüge auf dem Weltmarkt nicht mal geringsten Ansprüchen. Die Konzernleitung beteuert, chinesische Abnehmer seien ganz wild auf die russische Zellulose, aus der sie billigen Viskosestoff herstellen. In Irkutsk geht das Gerücht, die Fabrik arbeite nur einen Tag in der Woche. Ein Mitarbeiter versichert, zwar werde momentan nur 50 Prozent der Kapazität genutzt, doch das Werk produziere ohne Verluste. 1560 Mitarbeiter sollen offiziell in der Fabrik arbeiten. In der Trockenhalle, in der die Führung für die Journalisten startet, sind höchstens 20 zu sehen.
In der gut 500 Meter langen Halle liegt der Wasserdampf in winzig kleinen Partikeln in der Luft. Der Dampf kondensiert und tropft von der Decke. Im schummrigen Licht wirkt die Trockenmaschine wie ein Requisit aus Fritz Langs „Metropolis“, das erleuchtete gläserne Büro in der Mitte sieht aus wie ein Ufo. Auf einer Theke liegen Helme und Gasmasken, sie scheinen aus alten Sowjetbeständen zu stammen. Dem stellvertretenden Personaldirektor Alexander Winogradow sind schon nach wenigen Minuten Schweißtropfen auf die Stirn getreten. Er ist ein großer, vierschrötiger Mann, Hakennase, tellergroße Hände, die Haare an den Schläfen schwarz nachgefärbt. Über dem ohrenbetäubenden Lärm hinweg, gibt er bereitwillig Auskunft. Das Unternehmen habe Probleme mit der Belieferung. Während die BZBK geschlossen war, haben sich viele Holzlieferanten nach China umorientiert, die müsse man nun erst einmal wieder zurück gewinnen. Das Holz zur Zelluloseherstellung wird bis zu 1000 Kilometer weit aus der Baikalregion und Burjatien nach Baikalsk geschafft. Außer der Trockenhalle seien alle anderen Gebäude für die Besucher tabu. Das Heizwerk, die Hallen, in denen das Holz geschreddert und die Chemikalie angerührt wird, die das Holz schließlich zersetzt, den wertvollen Zellstoff abtrennt, sind Sperrgebiet.
In der Trockenhalle wird die fertige Zellulose im letzten Arbeitsschritt getrocknet, geschnitten und zu Ballen von je 180 Kilogramm verpackt. Der Zellstoff ist zwischen ein und zwei Millimeter dick, so als habe man mehrere Lagen Papiertaschentücher übereinander gelegt und gepresst. Die Arbeiter an den Maschinen reißen kleine Stücke aus den Ballen und verschenken sie. Sie seien froh, dass die Fabrik wieder geöffnet sei, erzählen sie. Sobald die Nachricht von Putins Engagement raus war, schickten die Menschen in Baikalsk ihre Bewerbungen ab.
Wenn es um die Unterstützung der Bevölkerung geht, kommt selbst eine erfahrene Aktivistin wie Marina Richwanowa ins Schleudern. Schon Ende der 70er Jahre schrieb Richwanowa als Studentin eine Arbeit über die Auswirkungen der Fabrik auf die Tierwelt am Baikalsee, die Arbeit wurde nie offiziell veröffentlicht. Heute ist die kleine Frau mit unmoderner Brille Kopf der Umweltschutzorganisation „Baikalwelle“, die Büros werden regelmäßig von der Miliz auf den Kopf gestellt. Auf viele Interessierte aus dem Westen wirkt die „Baikalwelle“ wie eine Ansammlung aufrechter Umweltschützer, nur der Besten aller Sachen verpflichtet, der Erhaltung des größten Süßwassersees der Erde. Wer sich aber in Baikalsk umschaut, hört vor allem von einer Organisation, die Arbeitsplätze zerstört und die Wirtschaft zugrunde richtet. Es wirkt fast ein wenig hilflos, wenn Marina Richwanowa berichtet, man habe die Menschen in Baikalsk bei der Suche nach alternativen Erwerbsmöglichkeiten unterstützt und dabei einen schallplattengroßen geflochtenen Untersetzer in die Luft hält. Die Baikalwelle hätte so gern, dass die ehemaligen Fabrikarbeiter in Baikalsk ihr Herz für den Tourismus entdecken. Deshalb hat sie das jährliche Erdbeerfestival initiiert und freut sich, dass ein Unternehmer seit kurzem in ein Skigebiet oberhalb von Baikalsk investiert. Und trotzdem: Wie viele Menschen würden wohl kommen, wenn Sie für nächste Woche eine Protestaktion gegen die Fabrik in Baikalsk ankündigen würden, Marina Richwanowa? Sie zuckt mit den Schultern: „Nicht viele.“
Die zweite und letzte Station der Führung in der BZBK – die Kläranlage. Ein unerträglicher bittersüßer Geruch liegt in der Luft, vergleichbar mit vergorenem Grünkohl. Etwa 150 Meter entfernt von den Fabrikhallen wird das Waser als fast schwarze Brühe in die Becken zur chemischen und organischen Reinigung geleitet. An jedem zerborstenen Rohr, an jeder Wand, an der sich der Schaum als armdicke Kruste abgesetzt hat, wird deutlich, wie viele Jahrzehnte die Anlage schon ohne Modernisierung läuft. Der Kontrast zu den mit Raureif überzogenen Birkenwäldern am Horizont könnte nicht deutlicher sein. An die 90 000 Kubikmeter Wasser schafft die Kläranlage in 24 Stunden. Eine Wasserprobe dürfen die Gäste nicht nehmen. Das Anschauen kann ihnen aber niemand verbieten. So klar wie Direktor Wladimir Fillipow versprochen hatte, ist das geklärte Wasser am Ende nicht. Ein leichter gelber Schimmer bleibt zurück. Das Wasser wird weitere 50 Mal verdünnt und dann in den Baikalsee geleitet. „Die Perle Russlands“, nennt Wladimir Fillipow den See. Ein paar Tage später bezeichnet ein Lokaljournalist seine Fabrik als „die Schande Russlands“.
Die Betriebsführung der BZBK Baikalsk ist nicht erpicht auf Öffentlichkeit, verständlich. Lobeshymnen hat bislang kein Journalist über die Fabrik verfasst. Nach langwierigen Verhandlungen zeigte das Unternehmen Anfang Oktober im Rahmen des Medienforum 2010 “Umweltjournalismus” in Irkutsk – organisiert vom Deutsch-Russischen Forum – dennoch ausgewählte Bereiche seiner Produktion. Fotografieren war verboten, einem mit angereisten Lokaljornalisten und einer Vertreterin der Umweltschutzorganisation “Baiklawelle” wurde der Zutritt verwehrt. Mit im Besichtigungsprogramm war auch die umstrittene Kläranlage – wahrlich kein Aushängeschild. Klar, eine Kläranlage ist kein hygienisches Labor. Aber selbst diejenigen, die schon öfter Kläranlagen besichtigt hatten, waren erschrocken, wie zerfallen und dreckig die Anlage ist. Ein Teilnehmer sprach aus, was viele dachten: „Wenn sie uns das zeigen, was verheimlichen sie uns dann?“
Quelle: Diana Laarz, ifa-Redakteurin der Moskauer Deutschen Zeitung
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