Evangelisch-Lutherische Kirche in Irkutsk – Teil 1
Die Geschichte der Lutherischen Kirche in Russland steht in engem Zusammenhang mit den dort lebenden Deutschen. Diese Glaubenslehre nimmt ihren Anfang im sechzehnten Jahrhundert in Deutschland. Um eine Vorstellung der Besonderheiten dieser christlichen Kirche zu bekommen, möchte ich die Ereignisse vorstellen, die zum Entstehen der Lutherischen Kirche in Russland geführt haben. In dieser Ausgabe zunächst die Anfänge dieser Glaubenrichtung. In den folgenden Ausgaben gehe ich speziell auf die Geschichte der Lutherischen Kirche in Russland bzw. Irkutsk ein.
„Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir. Amen“ Diese schlichte Aussage hat die christliche Welt verändert und den Gang der Geschichte beeinflußt.
Es gab nur wenige, die die Welt so bewegt haben, wie es der Gründer der Reformation, Martin Luther, getan hat. In seiner Person vereinigte er die zwei Momente der Reformation in Deutschland: zum einen die Forderung nach einer äußeren Reform der Kirche, zum anderen Streben nach einer geistlichen Erneuerung.
Allerdings verlief der Erfolg der Reformation nicht gradlinig und als natürliche Folge der religiösen Situation der deutschen Länder zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts. Das Gegenteil war der Fall, die Reformation entwickelte ein erstaunliches Paradoxon – die religiöse Begeisterung und Frömmigkeit verstärkten sich, als die Enttäuschung über die römische Kurie und der Zorn über die Entfremdung am größten waren.
Der 31. Oktober 1517 war der Tag, an dem Dr. Martin Luther, ein Augustinermönch und Professor der Theologie n Wittenberg, seine berühmten „95 Thesen“ veröffentlicht hat. Er rief zum wissenschaftlichen Disput für eine kritische Auseinandersetzung mit der Praxis und theologischen Erklärung der Katholischen Kirche im Umgang mit der Sündenvergebung auf.
Im Mittelalter war es üblich sich von seinen Sünden durch kirchliche Bestrafung freizukaufen. Es entstand eine eigene Lehre, nach der man sich oder bereits Verstorbene teilweise oder vollständig von den Qualen des Fegefeuers durch entsprechende finanzielle Zahlungen befreien konnte. Als Bestätigung, dass der Gläubige für seine Sünden gezahlt hatte und vom Fegefeuer befreit war, wurde ein Zeugnis erteilt, das die Tatsache der Zahlung und die damit verbundene Befreiung der Strafe bestätigte. Zu Zeiten Martin Luthers hatte sich diese Verkaufspraxis der Indulgenz zur Haupteinnahmequelle der Römischen Kirche entwickelt.
Das was zunächst nur als Diskussion für einen engen Kreis von Theologen gedacht war, entwickelte sich jedoch rasch zu einer Bewegung, die große Kreise der Bevölkerung erfasste und die Grundfeste der Katholischen Kirche erschütterte und entsprechend Veränderungen im politischen und öffentlichen Leben mit sich führte. Durch die vielfältigen und schweren Mißstände in der Kirche war der Wunsch nach Veränderungen und grundlegenden Reformen des kirchlichen Lebens in der Bevölkerung bereits sehr groß. Durch diese Vorbereitung trafen die von Luther gestellten kiritischen Anstösse auf eine spontane und breite Zustimmung. Das was anfänglich als Reform der bestehenden Kirche gedacht war, führte schließlich zur Gründung einer neuen Kirche, die bis zum heutigen Tag, gegen den Willen Luthers, seinen Namen benutzt.
Luther und seine Mitstreiter gründeten die neue Kirche allein auf dem Wort Gottes – dem Evangelium. Die Evangelisch-Lutherische Kirche beruft sich auf Jesus Christus, als eingeborenen Sohn Gottes, als den einzigen Mittler für die Erlangung der Erlösung. Die Sündenvergebung für alle Menschen durch seinen Tod am Kreuz ist für die Menschen nur durch den Glauben erreichbar – Gott schenkt Erlösung allein aus Gnade, durch die Kraft des Heiligen Geistes, ohne irgendwelche Leistungen von Seiten der Menschen. Der Heilige Geist verwandelt den gläubigen Menschen in ein „neues Geschöpf“ und bewegt ihn gutes zu tun als Folge des erlangten Glaubens. Die „Guten Taten“ sind keinesfalls als Verdienst des Menschen zu verstehen und haben keinerlei Einfluss auf seine Erlösung.
Diese Glaubenslehre hat sich in der nachfolgenden Zeit schnell verbreitet und vor allem die nördlichen und östlichen Länder vom Deutschen Reich, sowie das Baltikum und Skandinavien traten der Lutherischen Kirche bei.
Thomas Graf Grote, Irkutsk